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Nebenwirkungen und Spätfolgen

Autor: Dr. Teresa Halbsguth(weitere Infos über die Person Dr. Teresa Halbsguth)  Text wurde erstellt am:  06.03.2008
Redakteur: Silke Hellmich(weitere Infos über die Person Silke Hellmich)   Letzte inhaltliche Aktualisierung: 23.02.2011

Sowohl die Chemotherapie als auch die Strahlentherapie verursachen Nebenwirkungen. Man muss dabei zwischen akuten Nebenwirkungen während oder unmittelbar nach der Behandlung und den Spätfolgen der Behandlung unterscheiden. Während sich die akuten Nebenwirkungen zumeist zurückbilden oder durch geeignete Maßnahmen während der Behandlung vermieden oder zumindest weitgehend abgeschwächt werden können, haben die Spätfolgen der Behandlung wegen der möglichen Beeinträchtigung der Lebensqualität große Bedeutung.

Chemotherapie

Die akuten Nebenwirkungen der Chemotherapie(weitere Infos über den Glossarbegriff Chemotherapie) sind individuell unterschiedlich stark ausgeprägt. Übelkeit und Erbrechen, die mehrere Stunden nach Verabreichung der Medikamente auftreten, können durch gegen wirkende Medikamente (Antiemetika)(weitere Infos über den Glossarbegriff (Antiemetika)) erheblich abgeschwächt werden. Ein fast immer eintretender Haarverlust bildet sich nach Abschluss der Therapie nahezu immer zurück. Ein dauerhafter Haarverlust ist äußerst selten.

Blut

Von großer Bedeutung für die Therapiedurchführung ist die Schädigung des Knochenmarks durch die verabreichten Medikamente. Sie spiegelt sich in Veränderungen des Blutbildes wider und sollte regelmäßig und engmaschig kontrolliert werden. Sinkt die Konzentration der weißen Zellen im Blut (Leukozyten)(weitere Infos über den Glossarbegriff (Leukozyten)), so ist mit einer erhöhten Infektionsgefahr zu rechnen, die sich insbesondere als Mund- und Nasen-Rachen-Raum-Infektion oder als Lungenentzündung ausdrücken kann. Neuere Medikamente, die subkutan (unter die Haut) gespritzt werden, können die Zeit der Infektionsgefahr verkürzen. Sehr selten kommt es zu spontanen Blutungen, bedingt durch einen Abfall der Blutplättchen (Thrombozyten(weitere Infos über den Glossarbegriff (Thrombozyten)). Allgemeine Schwäche, leichte Ermüdbarkeit und Kurzatmigkeit können durch einen Abfall der roten Blutzellen (Erythrozyten)(weitere Infos über den Glossarbegriff (Erythrozyten)) bedingt sein. Nur selten ist allerdings eine Bluttransfusion notwendig. Eine Erholung des Blutbildes sollte vor jedem neuen Chemotherapiezyklus eingetreten sein.

Fruchtbarkeit und Hormone

Ob es zu einer bleibenden Zeugungsunfähigkeit bei Männern kommt, ist offenbar von der Dosierung einiger der eingesetzten Medikamente abhängig. Gerade bei jungen Männern muss diese Spätfolge im Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Patient dargelegt werden, und wenn ein Kinderwunsch besteht, sollte vor Therapiebeginn die Möglichkeit einer Spermakryokonservierung (Einfrieren von Sperma) in Betracht gezogen werden.

Bei Frauen muss mit einer vorzeitig einsetzenden Menopause gerechnet werden. In Abhängigkeit vom Alter der Patientin und der Gesamtdosis der verabreichten Zytostatika(weitere Infos über den Glossarbegriff Zytostatika) kann es jedoch zu einer Erholung der Eierstöcke und der Empfängnisfähigkeit kommen. Dabei kann die Periode auch noch ein Jahr nach Therapieende spontan wieder einsetzen. Ob ein Mangel an weiblichen Hormonen (Östrogene)(weitere Infos über den Glossarbegriff (Östrogene)) bei Beschwerden eventuell durch eine Hormonersatztherapie ausgeglichen werden sollte, ist am besten mit einem erfahrenen Facharzt z.B. Gynäkologen oder Endokrinologen nach Abwägen von Nutzen und Risiko zu klären.

Bereits vor Beginn der Therapie sollten eine genaue Zyklusanamnese und eine Hormonbestimmung stattfinden. Das sogenannte Anti-Müller-Hormon ist in diesem Zusammenhang Gegenstand der aktuellen Forschung. Nach ersten Erkenntnissen scheint dieses Hormon ein Marker der Follikelreserve zu sein, also der Zellen, die noch zu reifen Eizellen heranreifen können.

Zum Schutz der Eierstöcke kann die Einnahme der "Pille" oder die Verabreichung von sogenannten GnRH-Analoga erwogen werden. Beide beeinflussen den weiblichen Zyklus und verhindern das Heranreifen von Eizellen. Möglicherweise kann so eine Schädigung der Eierstöcke und der Eizellen bei Anwendung von milderen Chemotherapien verhindert werden, obgleich hier eine breite Datengrundlage noch nicht vorhanden ist. Des Weiteren gibt es die Möglichkeit, herangereifte Eizellen zu entnehmen und sie befruchtet oder unbefruchtet tief zu gefrieren (Kryokonservierung)(weitere Infos über den Glossarbegriff (Kryokonservierung)). Eine weitere Option stellt das Einfrieren von Eierstocksgewebe dar. Zum Erhalt der Fruchtbarkeit haben sich einige Universitätskliniken zu einem besonderen Projekt mit dem Namen "FertiPROTEKT" zusammengeschlossen. Nähere Informationen finden sich unter www.fertiprotekt.de/. Patienten sollten möglichst zu einer Beratung an einem der teilnehmenden Zentren vorgestellt werden.

Nach Abschluss der Therapie ist bei einer eventuellen Schwangerschaft nicht mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko zu rechnen.

Herz und Lungenfunktion

Auch Herz und Lunge können durch bestimmte Substanzen einer Chemotherapie(weitere Infos über den Glossarbegriff Chemotherapie) gestört werden. Störungen der Herzfunktion sind zumeist dosisabhängig und werden durch individuelle Faktoren mit beeinflusst. Sie betreffen die Pumpfunktion des Herzens, den Herzrhythmus und die Durchblutung der Herzkranzgefäße. Akute Beschwerden sind fast immer reversibel, gehen also wieder zurück. Beschwerden, die erst nach Abschluss der Therapie auftreten, sind dagegen häufiger von Dauer. Auch die Lungenfunktion kann in Form einer Entzündung oder durch eine Veränderung des Lungengewebes beeinträchtigt werden. Auch hier sind schwere Schäden meist dosisabhängig. Deutlich seltener sind akute Entzündungen der Lungenbläschen, die unabhängig von der Dosis auftreten können. Aufgrund der geschilderten möglichen Nebenwirkungen werden sowohl zu Beginn wie auch nach Abschluss der Therapie Nachsorgeuntersuchungen für Herz und Lunge durchgeführt.

Nerven

Im Verlauf einer Chemotherapie kann es zu Gefühlsstörungen in Händen und Füßen kommen. Diese äußern sich meist als Kribbeln und Pelzigkeitsgefühl. Je nach Ausmaß der Beschwerden kann das ursächliche Medikament durch ein anderes ersetzt oder ganz abgesetzt werden.

Strahlentherapie

Bei der Strahlentherapie kann es ebenso wie bei der Chemotherapie zu akuten Reaktionen kommen. Diese sind von den Bestrahlungsfeldern abhängig. Hautveränderungen, Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen und Entzündungen der Schleimhäute können während oder gegen Ende der Behandlung auftreten, bilden sich meist jedoch zurück und sind individuell unterschiedlich stark ausgeprägt.

Herz und Lunge

Eine Strahlenschädigung der Lunge (Lungenfibrose) ist nach Bestrahlung des Brustbereiches (mediastinale Bestrahlung) oft zumindest vorübergehend nachweisbar, macht aber zumeist keine Beschwerden. Schwerwiegender, jedoch extrem selten, sind nicht-infektiöse Entzündungen der Lunge (Strahlenpneumonitis) und des Herzens (Myo- und Perikarditiden). Sie können erst mehrere Wochen oder Monate nach einer Mediastinalbestrahlung auftreten und erhebliche Krankheitsbeschwerden, vor allem aber eine langfristige Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit verursachen. Außerdem sind Veränderungen der Herzkranzgefäße vergleichbar einer koronaren Herzerkrankung möglich, die erst nach Monaten bis Jahren nach Abschluss der Therapie auffällig werden und behandelbar sind. Literaturdaten über diese schwerwiegenden Nebenwirkungen existieren nur von der heute nicht mehr durchgeführten Großfeldbestrahlung des "extended field". Hier wurden Strahlendosen von 40 - 45 Gray verabreicht.

Schilddrüse

Bei einigen Patienten sind Schilddrüsenfunktionsstörungen nach Bestrahlung der Halslymphknoten festgestellt worden. Zumeist manifestieren sich diese Störungen als Unterfunktion mit relativ uncharakteristischen Beschwerden wie allgemeiner Schwäche, leichter Ermüdbarkeit, ständigem Frieren, Gewichtszunahme und Konzentrationsschwäche. Die Schilddrüsenunterfunktion muss dann durch die Einnahme von Schilddrüsenhormon ausgeglichen werden.

Fruchtbarkeit

Nach Bestrahlung des Beckens muss bei Frauen im Alter von 35-45 Jahren mit einer vorzeitigen Menopause mit den entsprechenden Beschwerden der Wechseljahre (klimakterischen Beschwerden) wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, Herzjagen und Schlafstörungen gerechnet werden. Bei jüngeren Frauen treten die klimakterischen Beschwerden relativ selten auf und bilden sich häufig wieder zurück. Bei Männern kann es theoretisch zu einer vorübergehenden Zeugungsunfähigkeit kommen, die sich bis zu drei Jahre nach Therapieende zurück bilden kann.

Wichtig ist, dass es keine Hinweise über ein erhöhtes Risiko für Schädigungen bei Kindern von erfolgreich chemo- oder strahlentherapeutisch behandelten Eltern gibt. Missbildungen treten nicht häufiger auf als bei Kindern unbehandelter gesunder Eltern. Somit gibt es keinen Grund, von einer Schwangerschaft nach chemo- und/oder strahlentherapeutischer Behandlung abzuraten, wenn diese möglich ist.

Zweittumore (Sekundär-Neoplasien)

Die schwerwiegendste Spätfolge sowohl der Chemotherapie als auch der Strahlentherapie ist das erhöhte Risiko für die Entwicklung von sogenannten Zweittumoren (Non-Hodgkin Lymphome, Leukämien, solide Tumore). In der lebenslang durchgeführten Nachsorge beim Hodgkin-Patienten wird deshalb auf eine allgemeine Krebsvorsorge besonderer Wert gelegt.

Es ist das höchste Bestreben der derzeitigen klinischen Forschung, die Nebenwirkungen und Spätfolgen sowie das Risiko für das Auftreten von Zweittumoren durch eine Optimierung der Behandlungsmethoden zu reduzieren. Eine Übersicht über die aktuellen Studien der Deutschen Hodgkin Studiengruppe (DHSG) finden Sie hier:
Studien der Deutschen Hodgkin Studiengruppe (GHSG).

Fatigue (chronische Erschöpfung)

Über die letzten Jahre hat das Thema Fatigue zunehmend an Bedeutung gewonnen. Eine Definition beschreibt den Begriff Fatigue folgendermaßen: Ein andauerndes, subjektives Gefühl der physischen, emotionalen und/oder geistigen Ermüdung bzw. Erschöpfung, welches unverhältnismäßig ist zu vorangegangen Aktivitäten und alltägliche Funktionen beeinträchtigt. Dabei bleibt aber zu beachten, dass Fatigue in vielen Fällen bereits vor Einleitung einer Therapie besteht. Ferner konnten neue Erkenntnisse der GHSG zeigen, dass die Stärke und Art der Therapie keinen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Fatigue haben und ein Teil der Patienten auch nach Abschluss der Therapie dauerhaft unter Fatigue leiden. Weitere Analysen zu diesem Thema werden derzeit durch die GHSG durchgeführt. Auch die Deutsche Fatigue Gesellschaft arbeitet aktuell an der Etablierung von Fatigue als eigenständige Diagnose. Bislang gibt es nur wenige Empfehlungen zur Behandlung von Fatigue. Erste Studien konnten einen positiven Einfluss von Sport zeigen. Auch eine medikamentöse Behandlung wird erforscht. In jedem Falle sollten sich Betroffene an ihren behandelnden Onkologen, die Deutsche Fatigue Gesellschaft oder die GHSG zur weitern Beratung wenden.

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