Erstlinientherapie
Die Standardstrategie für die Erstbehandlung eines diffusen großzelligen B-Zell-Lymphoms besteht aus einer R-CHOP-basierten Immunchemotherapie. Immunchemotherapien kombinieren monoklonale Antikörper mit einem oder mehreren chemotherapeutischen Medikamenten (= Zytostatika). Bei der R-CHOP-basierten Therapie steht das R für die Immuntherapie
mit dem Antikörper Rituximab, der die Oberflächenstruktur CD20 auf den Lymphomzellen erkennt, an diese bindet und damit für das körpereigene Immunsystem sichtbar und angreifbar macht. Die Chemotherapie wird mit den Buchstaben CHOP abgekürzt, wobei jeder dieser Buchstaben für ein Medikament steht (C = Cyclophosphamid; H = Doxorubicin; O = Vincristin;
P = Prednison).
Typischerweise wird R-CHOP im Abstand von drei Wochen (R-CHOP-21) gegeben. Es kommen in der Regel sechs Durchgänge (= Zyklen) von R-CHOP zur Anwendung. Abhängig vom klinischem Risiko - siehe hierzu auch noch einmal IPI in Tabelle 3 – wird die Intensität der R-CHOP-basierten Therapie angepasst, sodass Betroffene mit hohem Risiko mehr Therapie bekommen als Betroffene mit weniger Risiko: Beispielsweise wird bei Patientinnen und Patienten mit dem niedrigsten klinischen Risiko (IPI=0, Alter unter 60 Jahren und kein Bulk) die Therapie auf vier Zyklen CHOP mit sechs Gaben Rituximab reduziert. Das Wissen, dass dies ohne Risiko möglich ist, wurde durch eine Therapieoptimierungsstudie gewonnen, die zeigen konnte, dass Patientinnen und Patienten dieser Risikogruppe von einer Toxizitätsreduktion bei gleicher Effektivität profitieren (Abbildung 6).
Auch ältere Betroffene ohne weiteres klinisches Risiko (IPI=1 wegen des Alters, ohne Bulk) werden den Ergebnissen der OPTIMAL>60-Studie folgend zunächst mit 4 Zyklen R-CHOP behandelt. Dann wird ein modernes bildgebendes Verfahren namens PET/CT zur Messung der Resttumormenge durchgeführt. Sollte keine weitere Erkrankungsaktivität vorliegen (sogenannte komplette metabolische Remission, engl. complete metabolic remission, CMR), werden noch weitere 4 Gaben des CD20-Antikörpers Rituximab gegeben, ansonsten noch 2 Zyklen R-CHOP und Bestrahlung der Restbefälle. Alle anderen Betroffenen zwischen 18-80 Jahren mit einem IPI von 2-5 werden derzeit mit einer neueren Version des R-CHOP-Schemas behandelt, dem sogenannten Polatuzumab vedotin-R-CHP. Hierbei wurde der chemotherapeutische Wirkstoff Vincristin (das O im CHOP) an einen CD79B-Antikörper gekoppelt. Dieses Antikörper-Wirkstoff-Konjugat namens Polatuzumab vedotin ermöglicht einen zielgerichteteren Angriff auf die Tumorzelle. Basierend auf der POLARIX-Studie haben Betroffene mit einem höheren Risikoprofil dadurch derzeit die besten Aussichten, allein von der Erstlinientherapie eine dauerhafte Krankheitskontrolle und damit Heilung zu erleben.
Auch Patientinnen und Patienten mit relevanten Begleiterkrankungen können bis ins hohe Alter kurativ, also mit dem Ziel einer Heilung, behandelt werden. Bei Betroffenen mit Komorbiditäten, z.B. schweren Herzerkrankungen, sind in Einzelfällen dann Veränderungen am R-CHOP-Protokoll nötig. Beispielsweise kann bei Betroffenen mit einer Vorschädigung des
Herzens der Wirkstoff Doxorubicin (= H) gegen Etoposid ausgetauscht werden (= R-CEOP). Sehr alte Patient:innen (um 80 Jahre) lassen sich mit einer dosisreduzierten Form des Therapieprotokolls, dem sogenannten mini-R-CHOP, ebenfalls noch sehr gut kurativ behandeln.
Mittlerweile gibt es neben R-CHOP eine Reihe neuer Medikamente, die in frühen Phasen der klinischen Prüfung ermutigende Ergebnisse erzielt haben. Hierzu gehören zum Beispiel zahlreiche BTK-Inhibitoren sowie immunmodulatorische Wirkstoffe (IMIDe), wie Lenalidomid oder das Golcadomid als neuere Variante. Die genannten Therapien werden überwiegend als Tabletten
verabreicht und greifen ganz gezielt Strukturen an, die für das Überleben der Lymphomzellen wichtig sind. Sie werden deshalb auch als zielgerichtete Therapien, engl. targeted therapies, bezeichnet. Zudem wurden weitere Antikörper gegen andere Oberflächenstrukturen, wie z.B. Tafasitamab gegen CD19, entwickelt. Gerade die Kombination von Tafasitamab mit Lenalidomid und R-CHOP wurde jüngst in der sogenannten FrontMind-Studie als dem R-CHOP überlegen berichtet. Wann die Zulassung erfolgt und wie dies die Erstlinientherapie zukünftig verändern wird, stand beim Druck dieser Broschüre noch nicht fest, bleibt aber abzuwarten und wird bei positiver Bewertung eine Alternative zum Pola-R-CHP für Betroffene mit IPI 3-5 darstellen.
Ebenso gibt es eine Reihe spezialisierter Eiweißmoleküle, die entweder als Antikörper mit Brückenfunktion zum Immunsystem (= bispezifische Antikörper) körpereigene Abwehrzellen direkt mit der Lymphomzelle in Kontakt bringen (siehe auch KML-Broschüre „Bispezfische Antikörper“) oder als Chemotherapie-gekoppelte Antikörper (= ADC, antibody drug conjugates) zellschädigende Substanzen zielgerichtet in die DLBCL-Zelle bringen. Neben dem oben bereits beschriebenen Polatuzumab vedotin ist Loncastuximab tesirine ein weiteres Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC), das jedoch gegen CD19 gerichtet ist.
Die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate Polatuzumab vedotin und Loncastuximab tesirine sowie die bispezifischen Antikörper Epcoritamab, Glofitamab und Odronextamab sind für die Behandlung erwachsener Patientinnen und Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem diffusem großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) nach mindestens zwei vorherigen systemischen Therapielinien zugelassen. Die Testung der Effizienz und die nachfolgende Zulassung der genannten Substanzen ist jedoch ein hochdynamischer Prozess, sodass Sie immer mit Ihrem Behandlungsteam die für Sie optimale Therapie besprechen sollten. Die jeweils gültigen Therapieempfehlungen finden Sie im Onkopedia-Leitlinienportal der DGHO sowie der S3-Leitlinien-Homepage. Die German Lymphoma Alliance e.V. (GLA) empfiehlt die Einteilung von Patientinnen und Patienten mit einem diffusen großzelligen B-Zell-Lymphom in die in Tabelle 3 (S. 24) gezeigten prognostischen Untergruppen und entwickelt für jedes Segment eine an das Risiko angepasste Studie. Ausführliche Informationen zu allen Lymphomstudien sowie zur GLA bietet
das KML-Informationsportal unter www.lymphome.de.